Mit den „Klosterneuburger Diskursen“ startete das Stift Klosterneuburg eine neue Veranstaltungsreihe, die Menschen zusammenbringen und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven fördern möchte. Die Auftaktveranstaltung fand am 16. April 2026 mit Historikerin Manuela Mayer und Augustiner-Chorherr Elias Carr unter der Moderation von Werner Brix statt.
Klosterneuburger Diskurse: Sind alle Menschen gleich geboren?
23.04.2026Klosterneuburger Diskurse: Sind alle Menschen gleich geboren?
Mit den „Klosterneuburger Diskursen“ startete das Stift Klosterneuburg eine neue Veranstaltungsreihe, die Menschen zusammenbringen und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven fördern möchte. Die Auftaktveranstaltung fand am 16. April 2026 mit Historikerin Manuela Mayer und Augustiner-Chorherr Elias Carr unter der Moderation von Werner Brix statt.
In einer Zeit wachsender Polarisierung, digitaler Echokammern und gesellschaftlicher Entfremdung wird respektvoller Dialog zunehmend schwieriger. Menschen werden oft in „gut“ oder „böse“ eingeteilt, Feindbilder entstehen und Versöhnung scheint kaum mehr möglich. Umso wichtiger sind Räume für offene Gespräche über zentrale gesellschaftliche Fragen. Die „Klosterneuburger Diskurse“ schaffen einen solchen Rahmen und laden dazu ein, gemeinsam zu reflektieren, was verbindet – und was trennt.
Die Würde des Menschen steht 2026 im Fokus
Anlässlich des 250. Jahrestags der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stehen die Diskurse 2026 im Zeichen einer grundlegenden Frage: Ist die Würde des Menschen wirklich unantastbar? Expert:innen aus Theologie, Geschichte und Gesellschaft beleuchten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven – von Politik und Religion bis zu Bildung und Kultur.
Nicolaus Buhlmann Can.Reg. begrüßte im Namen von Propst Anton Höslinger zur neuen Gesprächsreihe „Klosterneuburger Diskurse“, die sich 2026 in mehreren Veranstaltungen der „Menschenwürde“ annähern möchte. In seinen Einführungsworten führte Nicolaus Buhlmann aus:
„Die Würde des Menschen ist antastbar, so hieß ein Sammelband mit Essays und Polemiken der deutschen Terroristin Ulrike Meinhof. Mit dem Titel, der auf einen Satz des deutschen Grundgesetzes Bezug nahm, sollte auch die Diskrepanz zwischen dem hohen Anspruch der Verfassung und der Christenwirklichkeit Bezug genommen werden, der die evangelisch erzogene Tochter eines Kunsthistorikers zum gewaltsamen Widerstand gegen die Staatsmacht brachte. Der Mensch ist antastbar. So bot Jesus sich dem ungläubigen Thomas zur hangreiflichen Beweiswürdigung als unbegreiflich auferstandener nach jenem Osterereignis dar.
Die Menschen stehen immer in Gefahr sich zu verlieren. Zwischen moralischen Überlegenheitsansprüchen und alltäglich erbärmlichen Versagen. Zwischen dem, was sie sein könnten und möchten, und dem, was sie zustande bringen.
Die Philosophen sagen seit Jahrtausenden, dass alle Menschen mit gleichen Rechten geboren sind. Die Christen verkünden denselben Anspruch und nehmen dabei Maß an einem Gott der Mensch geworden ist. Dieses unbegreifliche Ereignis, für das die Theologen das Wort Inkarnation gefunden haben, was man mit „Einverfleischung“ übersetzen könnte, ist für uns Gläubige der Richtwert für alles andere. Wenn alle Menschen gleiche Rechte haben, dann auch die Ungeborenen, die Kranken, die Verrückten, die Alten und mit den Reichen auch die Armen, die Versager und die Performer. Für alle ist Christus gekommen, für alle ist er aufs Kreuz gestiegen, und alle sind dadurch erlöst worden. Dieser Gott gegebene Gleichheit hält die Kirche hoch und wird es immer tun. Und daher dürfen wir es wagen, trotz vielfachen Versagens, uns als Experten das Humanum zu bezeichnen, für das Menschliche in all seinen Spielarten.“
Waren die Habsburger würdiger als ihr Volk?
Historikerin Manuela Mayer vom Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften erklärte: „Aus dem damaligen Zeitgeist wäre es undenkbar gewesen alle Menschen in einen Topf zu werfen. Jeder Mensch hatte gemäß seinem sozialen Stand, seiner Aufgaben für die Gesellschaft und seiner Position im sozialen Gefüge gewisse Pflichten und Rechte, die ihm zugestanden sind, die aber abgegrenzt waren zu anderen Personen, die eine andere Rolle in der Gesellschaft gespielt haben“.
Was war die Ursache für die Unabhängigkeitserklärung der USA?
Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: dass alle Menschen gleich geschaffen sind; dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind; dass dazu Leben, Freiheit und das Streben nach Glück gehören…(Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776)
Stiftskämmerer Elias Carr dazu:
„Diese Passage aus der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli 1776 ist für die Amerikaner sehr mächtig, sie ist zwar keine Wirklichkeit, aber sie ist ein Anspruch etwas zu verwirklichen. Es ist wie das Wort Gottes, es versucht uns zu sagen, dass wir zum Beispiel unsere Feinde lieben sollen. Aber wie oft hassen wir unsere Feinde? Dennoch sollten wir die Worte Gottes verwirklichen.
Es steht geschrieben: „Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich.“ Doch wenn wir auf die Geschichte der Menschheit blicken, dann erkennen wir: Nichts ist selbstverständlich.
Obwohl Thomas Jefferson Sklaven besessen hat, hat er diesen Text verfasst. Es war für ihn kein Widerspruch, denn er hat ja für sie gesorgt. In der Bundesverfassung aus dem Jahr 1789 gab es noch immer die Möglichkeit der Sklaverei. Nach dem Bürgerkrieg mahnte Abraham Lincoln in seiner Rede das Versprechen aus der Unabhängigkeitserklärung, dass alle Menschen gleich geschaffen sind, ein.“
Wie konnte die Zeit der Aufklärung in Europa entstehen?
Historikerin Manuela Mayer ergänzt: „Das Dokument der Unabhängigkeitserklärung entstand aus einer Krise. Die Formulierung ‚Alle Menschen sind gleich an Rechten‘ beanspruchte die Unabhängigkeit von England, weil man sich als Bürger zweiter Klasse fühlte. Sie beanspruchte nicht, dass alle Menschen der Welt gleich sind.
Europa hatte zu dieser Zeit bereits eine lange Tradition an Freiheitsbriefen und Freiheitsdokumenten, die bis in das Mittelalter zurückreichten und immer ein Resultat aus Krisenzeiten bzw. Kriegen waren. Das haben wir z.B. in England mit der Magna Carta Libertatum (1215) oder der Goldenen Bulle (1356) bis hin zum Toleranzpatent von Jospeph II. (1781).“
Moderator Werner Brix schließt das Gespräch mit dem Resümee: „Nach einer Krise entwickelt man sich in eine Richtung die man als ethisch und moralisch für vorbildlich und erstrebenswert hält. So gesehen hat jede Krise ihre Chance, sich im Sinne der Menschheit weiterzuentwickeln.“
Klosterneuburger Diskurse 2026 – Programmüberblick:
Prägen Religionen Kulturen?
Die Macht sozialer und religiöser Hierarchien.
- Diskutant:innen: Sr. Brigitta Raith MC, Dr. Antony Arockiam MSFS, Prof. Dr. Aho Shemunkasho
- Moderation: Monika Slouk
Termin: Mo., 18. Mai 2026, 19:00 Uhr, Augustinussaal
Anmeldung erforderlich: groups@stift-klosterneuburg.at / Eintritt frei
Karten auf den Tisch
Sonderführung durch die Ausstellung „Karten auf den Tisch! Weltbilder im Wandel“
- Mit den Kurator:innen der Ausstellung
Termin: Fr., 4. Sept. 2026, 16:00 Uhr, Sala terrena
Anmeldung erforderlich: groups@stift-klosterneuburg.at / Eintritt: EUR 10,- / Erw.
„…that all men are created equal“
Ideen und Theorien der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung
- Diskutanten: Anton Gliebe Can.Reg. und Jona Capobianco Can.Reg.
Termin: Do., 17. Sept. 2026, 16:00 Uhr, Stiftsbibliothek
Anmeldung erforderlich: bibliothek@stift-klosterneuburg.at / Eintritt: EUR 8,- / Erw.
Gottesdienst und die Würde des Menschen
Sind wir Menschen nach dem Bild Gottes geschaffen?
- Diskutanten: Univ.-Prof. i.R. DDr. Walter Schaupp, Mag. Johannes Kittler Can.Reg.
- Moderation: Monika Slouk
Termin: Mi., 14. Okt. 2026, 19:00 Uhr, Augustinussaal
Anmeldung erforderlich: groups@stift-klosterneuburg.at / Eintritt frei
Frei sein
Individuelle und gesellschaftliche Freiheit – 250 Jahre US-Unabhängigkeit
- Gruppenausstellung des Klosterneuburger Künstlerbundes
Termin: 3. Dez. 2026 – 15. Feb. 2027, Sala terrena Galerie