Wie stark formen Religionen unsere Gesellschaften – und wie sehr sind religiöse Identität und kulturelle Prägung miteinander verflochten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der zweiten Veranstaltung der „Klosterneuburger Diskurse 2026“ am 18. Mai im Stift Klosterneuburg.
Klosterneuburger Diskurse 2026: Wie Religion und Kultur einander prägen
20.05.2026Klosterneuburger Diskurse 2026: Wie Religion und Kultur einander prägen
Klosterneuburger Diskurse 2026:
Wie Religion und Kultur einander prägen
Wie stark formen Religionen unsere Gesellschaften – und wie sehr sind religiöse Identität und kulturelle Prägung miteinander verflochten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der zweiten Veranstaltung der „Klosterneuburger Diskurse 2026“ am 18. Mai im Stift Klosterneuburg.
Religion ist weit mehr als privater Glaube. Unter dem Titel „Prägen Religionen Kulturen? Die Macht sozialer und religiöser Hierarchien“ diskutierten internationale Gäste aus Theologie, Wissenschaft und Entwicklungszusammenarbeit über persönliche Erfahrungen zwischen Europa, Asien, Afrika und dem Nahen Osten.
Stiftskämmerer Elias Carr Can.Reg. betonte in seiner Eröffnung die Bedeutung des Dialogformats in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft. Es brauche Räume, in denen Menschen einander zuhören, unterschiedliche Perspektiven wahrnehmen und gemeinsam über Fragen von Würde, Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Zusammenhalt nachdenken könnten. Genau dafür stünden die „Klosterneuburger Diskurse“ des Augustiner-Chorherren Stiftes Klosterneuburg.
Moderatorin Monika Slouk führte mit einem historischen Beispiel in das Thema ein: Schon die frühe Kirche war uneinig, welche religiösen Praktiken unverzichtbar seien und was eher kultureller Tradition entspreche. Diese Spannung zwischen Religion und Kultur ziehe sich bis heute durch viele Gesellschaften.
Besonders eindrucksvoll schilderte Pater Antony Arockiam, Ordenspriester der Missionare des heiligen Franz von Sales (MSFS), seine Erfahrungen zwischen Indien und Österreich. Als Christ gehöre er in Indien einer Minderheit an und werde dort zuerst religiös wahrgenommen. In Österreich hingegen werde er vor allem als Inder gelesen – kulturelle Herkunft überlagere hier die religiöse Identität. „Wer bin ich eigentlich?“, fragte der Theologe. Seine Jahre in Österreich hätten ihn verändert; die Rückkehr nach Indien sei deshalb auch ein Prozess des erneuten Fremdwerdens im eigenen Land gewesen. Humorvoll erzählte er von Missverständnissen im Alltag, die bereits an sprachlichen Feinheiten wie dem österreichischen Gebrauch des Konjunktivs sichtbar würden.
Auch der aus Tur Abdin im Südosten der Türkei stammende und in Salzburg lehrende Theologe Aho Shemunkasho beschrieb Religion im Nahen Osten als grundlegenden Teil kultureller Identität. In den syrisch-christlichen Traditionen seien Sprache - aramäisch als Sprache der Bibel - eng miteinander verwoben. Ein prägendes Erlebnis sei für ihn als Jugendlicher der Besuch einer katholischen Messe in Deutschland gewesen: Trotz völlig anderer Liturgie habe er in der Eucharistie plötzlich Vertrautheit gespürt. „Da wusste ich: Es ist doch dasselbe“, sagte Shemunkasho. Er erinnerte daran, wie stark religiöse Zugehörigkeit das Leben orientalischer Christen bis heute strukturiere – vom Jahreskreis bis zum täglichen Gebet.
Breiten Raum nahm auch die Diskussion über Mission und Missionsverständnis ein. Antony Arockiam erinnerte daran, dass das Christentum in Indien wesentlich durch Missionare verbreitet worden sei. Gleichzeitig sei „Missionar“ heute oft negativ besetzt. Christliche Orden könnten vielerorts kaum mehr offen missionarisch auftreten, engagierten sich jedoch weiterhin stark in Schulen, Krankenhäusern und sozialen Einrichtungen. Zugleich schilderte er den wachsenden Druck auf christliche Minderheiten in Indien. Nationalistische Strömungen würden Hinduismus und nationale Identität zunehmend miteinander verschmelzen. Mehrfach verwies er auf die schwierige Situation kirchlicher Einrichtungen und eingefrorene Konten von Diözesen und Pfarren.
Schwester Brigitta Raith MC, die mehr als drei Jahrzehnte im Kongo lebte, schilderte einen tiefgreifenden Wandel im Missionsverständnis. „Wir wollen nicht missionieren, sondern missionarisch sein, das heißt mit den Menschen das Leben teilen, ihnen zugewandt sein“. Was sich unter anderem dadurch äußere, dass ihre Ordenstracht der Kleidung afrikanischer Frauen nachempfunden ist. Sie selbst sei im Kongo ebenso zutiefst geprägt worden. Besonders vermisse sie seit ihrer Rückkehr nach Österreich die lebendige Glaubenspraxis Afrikas – etwa das gemeinsame Singen in den Gottesdiensten. Religion und Kultur seien für sie untrennbar miteinander verbunden und würden sich gegenseitig prägen.
Zugleich machte die Ordensfrau von den Missionarinnen Christi deutlich, welche gesellschaftliche Rolle Kirchen in der Demokratischen Republik Kongo übernehmen. Weil staatliche Strukturen vielfach schwach seien, würden Bildungseinrichtungen, Krankenhäuser und soziale Dienste großteils von kirchlichen Trägern geführt. Dadurch genieße die Kirche großes Vertrauen in der Bevölkerung. Kritisch sprach sie aber auch koloniale Aspekte der Missionsgeschichte an: Tatsächlich seien kulturelle Traditionen teilweise verdrängt worden, gleichzeitig hätten Missionare jedoch auch viel für die jeweiligen Kulturen vor Ort getan, etwa lokale Sprachen dokumentiert und erhalten.
Trotz aller Unterschiede verband die Diskutierenden die Überzeugung, dass Religionen weiterhin gesellschaftliche Werte prägen. Antony Arockiam zeigte sich überzeugt, dass auch säkulare Menschen oft Werte lebten, die historisch stark vom Christentum geprägt seien – etwa Respekt, Hilfsbereitschaft oder Menschenwürde. Aho Shemunkasho verwies auf die Bedeutung von Bildung, Demokratie und Menschenrechten als kulturelle Errungenschaften, die wesentlich vom Christentum geprägt worden seien.
Zum Abschluss brachte Sr. Brigitta Raith die Grundstimmung des Abends auf den Punkt: Religion und Kultur seien keine Gegensätze, sondern stünden in einem ständigen Austausch miteinander. Sie prägten und veränderten einander wechselseitig – oft spannungsvoll, aber immer zutiefst menschlich.
Der Diskurs zum Nachhören
Radio Klassik Stephansdom: Dienstag, 26. Mai um 19:00 Uhr.
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Foto 1: Aho Shemunkasho, Monika Slouk, Brigitta Raith MC, Antony Arockiam MSFS, Elias Carr Can.Reg.
Foto 2: Aho Shemunkasho Brigitta Raith MC Antony Arockiam MSFS Monika Slouk
Foto 3a: Brigitta Raith MC
Foto 4a: Aho Shemunkasho
Foto 5a: Antony Arockiam MSFS
Foto 6: Brigitta Raith MC Antony Arockiam MSFS Monika Slouk
Copyright Stift Klosterneuburg, Fotograf: Walter Hanzmann, Abdruck honorarfrei
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