Habsburgs jüngste Blüte - Eduard Kaiser nach Carl Joseph Geiger
Künstler:in: Eduard Kaiser nach Carl Joseph Geiger
1855
Material und Technik: Lithografie
Inventarnummer: AG202
Ein Blick durch die Arabeske: Das Huldigungsblatt „Habsburgs jüngste Blüte“ zwischen imperialer Erinnerung und kaiserlicher Familienidylle
Auf der Lithografie „Habsburgs jüngste Blüte“ begegnet uns der kitschig verklärte und zugleich repräsentative Anblick einer der bekanntesten Kaiserfamilien Österreichs: Kaiserin Elisabeth (1837-1898) hat ihren Blick liebevoll auf die erstgeborene Tochter Erzherzogin Sophie Friederike (1855-1857) in ihrem Schoß gesenkt, der Arm des neben ihr stehenden Ehemannes Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) ist sanft um ihre Schulter gelegt. [1]
Anlässlich der Geburt des Nachwuchses wurde das druckgrafische Werk 1855 in Wien bei dem Verleger L.T. Neumann produziert. [2] Sowohl der Lithograf Eduard Kaiser (1820-1895) als auch der Verantwortliche für die Vorlage, Carl Joseph Geiger (1822-1905), werden mit Arbeiten für die Wiener Hocharistokratie assoziiert. [3] Von der kleinen Sophie allerdings sind sonst kaum Abbildungen zu finden, da sie auf einer Reise nach Ungarn bereits zwei Jahre später an einer Krankheit verstarb. [4]Online Collection Ähnliche Bildformeln könnten aber zu den Geburten der jüngeren Geschwister Sophies weiterverwendet worden sein – die Variation festgelegter Schemata war ein übliches Mittel zur flexiblen druckgrafischen Reproduktion erinnerungswürdiger Geschehen am Kaiserhof. [5]
Zurück zum Bild: Der bedeutungsschwangere Rahmen aus Blumenranken, dichterischen Versen und Engelsfiguren wird als Arabeske bezeichnet. Diese tritt hier nicht als bloßes Ornament auf, sondern ihre Elemente werden zu Bedeutungsträgern mit Verweischarakter auf das reale Geschehen im Bildinnenraum. [6] Während die zwei an der Arabeske angebrachten Ikonen der Heiligen Sophie und Dorothea [7], auf den Namen der kleinen Hauptfigur hindeuten, entschlüsselt das Gedicht die Engelsfiguren als Personifikationen von Liebe, Weisheit, Glauben, Frieden und Hoffnung. Die Allegorie der "Austria" [8] auf der Wiege vervollständigt das für das Kaiserhaus Habsburg-Lothringen repräsentative Huldigungsblatt mit Erinnerungswert. [9]
Wer war das Publikum, das durch die Arabeske wie durch ein Schlüsselloch in den privaten Innenraum mit häuslicher Szene blicken sollte? War das Blatt vielleicht für die Augen des sich im 19. Jahrhundert emanzipierenden Bürgertums gedacht? [10] Die Frage muss an dieser Stelle noch für die Zukunft offenbleiben.
Verfasst von: Hannah-Lea Großauer
Literatur:
Online Collection
[1] Weiterführende Lektüre zu der Kaiserfamilie: Brigitte Hamann, Chapter Three: The Newlyweds, engl. Ausgabe in: Brigitte Hamann, The Reluctant Empress, New York 1986, S. 66-94, (zuerst deutsch: Elisabeth. Kaiserin wider Willen, München/Wien 1982), URL: archive.org/details/reluctantempress0000hama/mode/2up.
Karen Owens, Chapter Six: The Royal Children, in: Karen Owens, Franz Joseph and Elisabeth: The Last Great Monarchs of Austria-Hungary, Jefferson/u.a. 2014, S. 82-98, URL: www.ebsco.com/de-de.
[2] Weiterführende Lektüre: Pia Schölnberger, „L.T. Neumann“, in: Lexikon der Österreichischen Provenienzforschung, zuletzt geändert 2019 (28.01.2025), URL: www.lexikon-provenienzforschung.org/neumann-l-t.
[3] Colin J. Bailey, „Kaiser, Eduard”, in: Grove Art Online, zuletzt geändert 2003 (27.11.2024), URL: www.oxfordartonline.com/groveart.
Constantin von Wurzbach, Kaiser, Eduard, in: Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 10, Jabłonowski - Karolina, Wien 1863, S. 373-374, URL: www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb10799131.
Constantin von Wurzbach, Geiger, Karl Joseph, in: Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich. 5, Füger - Gsellhofer, Wien 1859, S. 122-123, URL: austria-forum.org/web-books/wurzbach05de1859kfu/000124.
2. Reiter, „Geiger, Karl Josef (1822–1905), Maler, Illustrator und Radierer“, in: Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage. Österreichisches Biographisches Lexikon ab 1815 (2. überarbeitete Auflage - online), zuletzt geändert 2014 (27.11.2024), URL: www.biographien.ac.at/oebl/oebl_G/Geiger_Karl-Josef_1822_1905.xml
„Geiger, Carl Joseph“, in: Austria-Forum, zuletzt geändert 2009 (27.11.2024), URL: austria-forum.org/af/AEIOU/Geiger,_Carl_Joseph.
[4] Brigitte Hamann, Chapter Three: The Newlyweds, engl. Ausgabe in: Brigitte Hamann, The Reluctant Empress, New York 1986, S. 77-78, (zuerst deutsch: Elisabeth. Kaiserin wider Willen, München/Wien 1982), URL: archive.org/details/reluctantempress0000hama/mode/2up.
[5] Werner Telesko, Geschichtsraum Österreich. Die Habsburger und ihre Geschichte in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts, Köln/u.a. 2006, S. 282, URL: library.oapen.org/handle/20.500.12657/34431.
[6] Zu der Arabeske als Strukturprinzip mit Verweischarakter seit dem „Ende der Ikonografie“ und ihrer Entwicklung seit der Romantik und darüber hinaus, siehe: Werner Busch, Die notwendige Arabeske. Wirklichkeitsaneignung und Stilisierung in der deutschen Kunst des 19. Jh., Berlin 1985.
[7] Die Heilige Dorothea wird häufig mit floralen Motiven in Verbindung gebracht, eigentlich ganz passend zu unserer Arabeske. Siehe: Werner Telesko, Geschichtsraum Österreich. Die Habsburger und ihre Geschichte in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts, Köln/u.a. 2006, S. 282, URL: library.oapen.org/handle/20.500.12657/34431.
Der vollständige Name der kleinen Erzherzogin lautet Sophie Friederike Dorothea Maria Josepha von Österreich, benannt ist sie nach ihrer Großmutter, der Mutter Franz Josefs. Siehe Karen Owens, Chapter Six: The Royal Children, in: Karen Owens, Franz Joseph and Elisabeth: The Last Great Monarchs of Austria-Hungary, Jefferson/u.a. 2014, S. 83-84, URL: www.ebsco.com/de-de.
[8] Werner Telesko, Geschichtsraum Österreich. Die Habsburger und ihre Geschichte in der bildenden Kunst des 19. Jahrhunderts, Köln/u.a. 2006, S. 282, URL: library.oapen.org/handle/20.500.12657/34431.
Werner Telesko, Kapitel VII. Der Denkmalkult als „Monumentalisierung“ geschichtlicher Erinnerung, in: Werner Telesko, Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien, Köln/u.a. 2010, S. 149-150.
Weiterführende Lektüre: Selma Krasa-Florian, Die Allegorie der Austria. Die Entstehung des Gesamtstaatsgedankens in der österreichisch-ungarischen Monarchie und die bildende Kunst, Köln/u.a. 2007, URL: library.oapen.org/handle/20.500.12657/34441.
[9] Mehr zu herrschaftlicher Repräsentation im 19. Jahrhundert, siehe: Werner Telesko, Kapitel III. Das europäische Herrschertum und seine politische Legitimation, in: Werner Telesko, Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien, Köln/u.a. 2010, S. 63-69.
[10] Herrschaftliche Familienbilder sollten dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts, welches sich mehr und mehr emanzipierte, eine Identifikationsmöglichkeit mit dem Kaiserhaus bieten. Insgesamt sind in dieser Zeit Tendenzen zur Darstellung von privaten familiären Szenen zu beobachten. Siehe: Werner Telesko, Kapitel III. Das europäische Herrschertum und seine politische Legitimation, in: Werner Telesko, Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien, Köln/u.a. 2010, S. 68-69.
Um einen allgemeinen Einblick über die gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts, das Verhältnis von Kaiserhaus zu Bürgertum und den Ausdruck davon in verschiedenen künstlerischen Medien zu gewinnen, siehe: Werner Telesko, Kapitel V. Das Bürgertum als neue Kraft und die „Rekonstruktion“ von Geschichte in allen Lebensbereichen, in: Werner Telesko, Das 19. Jahrhundert. Eine Epoche und ihre Medien, Köln/u.a. 2010, S. 96-116.