Der Triumph der Weisheit - Ägidius Sadeler nach Bartholomäus Spranger
Künstler:in: Ägidius Sadeler nach Bartholomäus Spranger
Ende 16. Jh./Anfang 17. Jh.
Material und Technik: Kupferstich
Inventarnummer: DG00360
Triumphierend steht Minerva, die römische Göttin der Weisheit, über der eselsohrigen Personifikation der Unwissenheit. Sie ist durch ihren charakteristischen Helm und dem Medusenhaupt auf ihrer Rüstung ausgezeichnet. Aus dem dunklen Hintergrund tritt ein Engel, ein Putto, um Minerva mit einem Lorbeerkranz zu krönen. In seiner Hand hält er einen Palmwedel, ein weiteres Symbol des Sieges und der Ehre. In der unteren Bildhälfte scharren sich Personifikationen der Künste und Wissenschaften aufgeregt um das Geschehen. Sie wurden mit individuellen Attributen bestückt. In der linken Ecke wohnt auch Bellona, die römische Kriegsgöttin, dem Spektakel bei. In gespannter Haltung scheint sie jederzeit bereit einzugreifen. [1]
Der Kupferstich ist nach einem manieristischen Gemälde von Bartholomäus Spranger gestochen. Die Merkmale des Manierismus – elegante, gestreckte Figuren, kunstvolle Kompositionen und eine starke Symbolik – finden sich auch in Sadelers Stich wieder. [2]
Im 16. und 17. Jahrhundert galten Kupferstiche wie dieser als geschätzte Medien um Bildideen und künstlerische Themen zu verbreiten. Als „nachbildendes Medium“ standen sie der Malerei untergeordnet, dennoch wurde die kreative Leistung des Stechers zunehmend anerkannt. In einem Kupferstich konnte man demnach nicht bloß inventio – die bildliche Erfindung – des Malers, sondern auch die Interpretation des Stechers studieren. [3] [4]
Sadelers Stich verdeutlicht diesen interpretativen Eingriff des Stechers. Sein Werk ist klarer und geordneter. Er betont die zentrale Aussage, indem er die Szene und ihre Charaktere leichter erkennbar und verständlicher macht. So übersetzt er hier den manieristischen Überschwang in eine lesbare Bildstruktur. Auch durch das Hervorheben und Ergänzen von Attributen verdeutlicht er die Bedeutung der Szene. Die hinzugefügte Inschrift „Inscius non honorabit“ – „der Unwissende wird nicht geehrt“ – betont den belehrenden Charakter des Werkes. [5]
In Sadelers Stich erkennen wir aber nicht bloß seine künstlerische Eigenleistung und außerordentliche handwerkliche Fähigkeit, sondern auch sein Gespür für die Ansprüche des Kunstmarktes. Er war selbst der Verleger seiner Werke und kannte daher die Ansprüche und Vorlieben des Publikums genau. [6] Indem er die Bildstruktur vereinfachte und Provokationen wie Minervas entblößte Brust verdeckte, machte er seine Werke einem breiteren Publikum zugänglich.
Verfasst von: Sarah Bauer
Literatur:
[1] Vgl. Michael Henning, Die Tafelbilder Bartholomäus Sprangers: (1546 - 1611); höfische Malerei zwischen "Manierismus" und "Barock, Essen 1987, S. 95–99.
[2] Vgl. Jacques Bousquet, Malerei des Manierismus. Die Kunst Europas von 1520 bis 1620, Überarb. u. mit e. Beitr. von Curt Grützmacher, München 1985.
[3] Vgl. Jasper Kettner, Die Aufwertung der Kunstschneider, In: Druckgraphik: zwischen Reproduktion und Invention, hrsg. von Markus A. Castor, Jasper Kettner, Christien Melzer und Claudia Schnitzer, Berlin 2010, S. 241–246.
[4] Vgl. Jacqueline Klusik-Eckert; Transfer von Bildideen. Zur Kultur des Kopierens in der rudolfinischen Malerei und der Rezeption von Bartholomäus Spranger (1546–1611), Nürnberg 2023, S. 55–57.
[5] Vgl. Jacqueline Klusik-Eckert; Transfer von Bildideen. Zur Kultur des Kopierens in der rudolfinischen Malerei und der Rezeption von Bartholomäus Spranger (1546–1611), Nürnberg 2023, S. 202–204.
[6] Vgl. Dorothy A. Limouze, Aegidius Sadeler (c. 1570-1629): Drawings, Prints and Art Theory, New Jersey 1990, S. 8.