Archäologie
Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist bekannt, dass die babenbergische Kloster- und Burganlage von Leopold III. im Bereich eines römischen Kohortenkastells (1 bis 5. Jh. n. Chr.) erbaut wurde. Die vermutlich im 12. Jahrhundert noch recht gut erhaltenen römischen Mauern wurden für die mittelalterlichen Neubauten genutzt. Grabungsergebnisse, Kleinfunde und Inschriften erlauben uns heute Einblicke in die Geschichte des Kohortenkastells in Klosterneuburg. Grabungen deckten einen hufeisenförmigen Torturm und einen Fächerturm auf, der das SW-Eck des Kastells schützt. Aus einer spätantiken Zisterne im Kuchlhof wurden römische Grabstelen geborgen, die dort, zu Quadern zerschnitten, als Baumaterial dienten. Die Stelen konnten zusammengesetzt werden und sind im Lapidarium zu sehen.
Die Capella speciosa gilt als erster und bedeutendster Bau der frühen Gotik auf österreichischem Boden. Herzog Leopold VI. ließ diese, Johannes dem Täufer geweihte Kapelle, Anfang des 13. Jahrhunderts von französischen Bauleuten erbauen und 1222 feierlich weihen. 1786 wurde sie als „überflüssige Kirche“ im Auftrag Kaiser Josefs II. entweiht und zum Abriss freigegeben. Die Kapelle war mit rotem und weißem Marmor prachtvoll ausgestattet, so kostbar, dass nach Abbruch der Kapelle im Jahre 1799 Franz I. die marmorne Innenausstattung für die Franzensburg in Laxenburg ankaufte. In den Jahren 1953/54 wurden die Mauern der Capella speciosa ergraben und dokumentiert, allerdings wieder zugeschüttet. Archäologische Grabungen im Sommer 2005 deckten die Fundamente der Capella speciosa wieder auf und legten Reste eines Vorgängerbaus frei. Der kleinere romanische Bau mit runder Apsis aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts musste der Capella speciosa weichen, Teile ihrer Mauern dienen der Capella speciosa als Fundament. Beide Kapellen standen an einem prominenten Platz, weit hin sichtbar, direkt an die Ostmauer des römischen Kastells angelehnt, als Repräsentationsobjekt für den Herzog.
Zukünftige Grabungen lassen weitere Einblicke in die frühe Besiedelung im Bereich des Stiftes erwarten.


